Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell im Bereich Künstliche Intelligenz und wie gelingt es Ihnen, auf dem Laufenden zu bleiben?
Julia Junge: „Natürlich probiere ich selbst viel mit KI-Tools aus, lese Newsletter, Studien, höre Podcasts und vor allem tausche ich mich regelmäßig mit Kolleg*innen aus. So erkenne ich leichter, was im Alltag nützt und was nur Hype ist.
Gerade erlebe ich drei Entwicklungen, die mich begeistern und nachdenklich machen: KI-Tools werden immer tiefer in unsere Arbeitsumgebungen integriert und entwickeln zunehmend agentisches Verhalten. Das heißt: Sie handeln eigenständig, übernehmen ganze Aufgabenpakete, ohne dass wir jeden Schritt anstoßen müssen. Das kann enorm entlasten, birgt aber auch große Probleme, weil viele die Risiken, Grenzen und die Unzuverlässigkeit generativer Systeme unterschätzen.
Gleichzeitig öffnet sich die Schere zwischen Menschen, die KI schon seit Jahren nutzen – teilweise sogar ganze Studienarbeiten damit geschrieben haben – und jenen, die sich nicht trauen, überhaupt anzufangen. In Organisationen führt das zu sehr unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungsständen, die wir aktiv überbrücken müssen.
Und schließlich: Es gibt zwar zunehmend politische Debatten über Nachhaltigkeit oder digitale Unabhängigkeit, doch oft fehlt ein Grundverständnis der Dimensionen. Individueller Energieverbrauch wird überschätzt, der systematische Einbau von KI in alle Systeme mit enormen Energie-Konsequenzen aber übersehen. Und ethische Fragen wie das Training durch Data Worker im globalen Süden oder die Verstärkung von Vorurteilen werden ignoriert. Und es braucht viel mehr Ideen und Beispiele, wie wir KI für mehr Klimaschutz und Gerechtigkeit einsetzen – denn verschwinden wird sie nicht mehr.“
Was verpassen soziale Organisationen, wenn sie KI links liegen lassen?
Julia Junge: „In vielen sozialen Organisationen ist die Arbeitsbelastung chronisch hoch: zu viele Aufgaben, zu wenig Personal, oft unter hohem Zeitdruck. Da kann KI entlasten. Sie übernimmt vorbereitende Recherchen, erstellt Textentwürfe oder passt Inhalte an Zielgruppen an. KI springt ein, wenn Kolleg*innen zum Sparring oder für Feedback fehlen, und sorgt dafür, dass Ideen schneller strukturierte Form annehmen. So bleibt Raum für das, was nur Menschen leisten können: Beziehungspflege, umsichtige Entscheidungen, kreative Problemlösung.
Studien zeigen, dass KI längst von viele, meist heimlich, genutzt wird – auch in NGOs. Doch wenn das ohne Austausch und Schulung passiert, fehlen Kontrolle, Qualitätssicherung und ein wirksamer Datenschutz.
KI-Entwicklung ist außerdem eine hochpolitische Frage. Gerade soziale und ökologische Organisationen sollten ihre Stimme in die Debatte zu Nachhaltigkeit, Transparenz und Souveränität einbringen. Doch das gelingt nur, wenn sie selbst Erfahrung mit KI sammeln.“
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erfolgsfaktoren für die Einführung von bzw. der Arbeit mit KI in sozialen Organisationen?
Julia Junge: „Viele starten mit großen Strategieprozessen und juristischen Leitlinien. Ich halte das bei KI, die sich so schnell entwickelt, dass Strategien kaum Schritt halten, für den falschen ersten Schritt. Stattdessen braucht es jetzt ein agiles Vorgehen in Lernschleifen. Leitplanken und Basiskenntnisse für möglichst alle Mitarbeitenden schaffen Sicherheit, fördern Eigeninitiative und ermöglichen das Entdecken, wo KI nützlich sein kann und wo nicht.
Eine Schlüsselrolle spielen dabei interne Multiplikator*innen oder kleine Experimentierteams. Sie probieren Neues aus, sammeln Erfahrungen und tragen ihr Wissen in die Organisation. So entsteht eine Kultur des gemeinsamen Lernens und zugleich bleibt der Prozess offen für neue Tools und Entwicklungen in der KI-Welt.
Auf dieser Basis kann eine Organisation dann mit Evaluationen und Austausch ihren KI-Einsatz Schritt für Schritt immer strategischer ausrichten.“
In unserem Online-Kurs „KI-Flüstern in Organisationen“ befähigen Sie Teilnehmende dazu, den nötigen Rahmen im Unternehmen zu schaffen. Für wen ist der Kurs geeignet und welche Vorkenntnisse sind erforderlich?
Julia Junge: „Wenn Sie bis hierher gelesen haben, sind Sie vermutlich schon genau die richtige Person für diesen Kurs! Er ist für alle, die in ihrer Organisation als KI-Multiplikator*in wirken wollen: zum Beispiel, indem sie Wissen ins Team tragen, Kolleg*innen begleiten und den Rahmen für eine sichere und sinnvolle Nutzung gestalten. Willkommen sind Geschäftsführende, Team-Leitungen, Digitalisierungsbeauftragte und engagierte Mitarbeitende oder Ehrenamtliche.
Vorausgesetzt werden einige eigene praktische Erfahrungen mit KI, im besten Fall auch Basiskenntnisse. Während des Kurses setzen Sie kleine, konkrete Praxisaufgaben um, die Ihnen helfen, KI in Ihren eigenen Arbeits- und Organisationsalltag zu integrieren und Kolleg*innen mitzunehmen. Dafür lohnt es sich, auch außerhalb der Workshop-Zeiten Raum einzuplanen, um Inhalte zu reflektieren, Tools auszuprobieren und Ihr neues Wissen früh auch als Multiplikator*in praktisch zu testen: in kleinen Coachings oder Einführungseinheiten für Kolleg*innen. Der Kurs steht mit Material und Rat unterstützend zur Seite. Bezahlte KI-Lizenzen wie ChatGPT+ oder Langdock sind übrigens hilfreich, aber keine Voraussetzung.“
Julia Junge ist Digitalisierungsexpertin und ausgebildete Trainerin, Moderatorin und Organisationscoach. Sie arbeitet seit 25 Jahren ehrenamtlich und hauptamtlich in und für NGOs. Sie beschäftigt sich intensiv mit den neuen Möglichkeiten von Generativer KI für den Arbeitsalltag.