Frau Glomb, Sie befassen sich mit der psychischen Gesundheit pädagogischer Fachkräfte. Was sind ihre Beweggründe dafür?
Ina Glomb: Ich habe viele Jahre als Erzieherin gearbeitet, überwiegend im Grundschulbereich, und weiß daher aus eigener Erfahrung, wie schön, vielfältig und fordernd der Berufsalltag pädagogischer Fachkräfte sein kann. Vieles davon bleibt für Außenstehende, etwa für Eltern, unsichtbar. Wer sich für einen pädagogischen Beruf entscheidet, ist oft mit ganzem Herz dabei und empfindet seine Arbeit in der Regel als besonders erfüllend. Dieses starke Gefühl von Sinnhaftigkeit kann jedoch gleichzeitig dazu führen, dass Fachkräfte über ihr eigentliches Aufgabenpensum hinaus Verantwortung übernehmen, um Kindern, Team und auch den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Pädagog*innen zählen zu der Berufsgruppe mit dem höchsten Anteil an Krankheitstagen. Besonders psychische Erkrankungen nehmen dabei deutlich zu. Diese Entwicklung zeigt, wie wichtig Unterstützung und Entlastung sind.
Parallel zu meiner Tätigkeit als Erzieherin habe ich Psychologie studiert. Die Verbindung aus langjähriger Praxiserfahrung und fachlichem Wissen hat in mir den Wunsch gestärkt, pädagogische Fachkräfte in ihrer seelischen Gesundheit zu unterstützen. Dieses Anliegen ist für mich zu einem echten Herzensanliegen geworden, weil ich weiß, wie viel Engagement in diesem Beruf steckt und wie wichtig es ist, die eigene Gesundheit dabei nicht aus dem Blick zu verlieren.
Welche spezifischen Stressauslöser gibt es beim Personal im Kita- und Hortbereich? Gibt es hier Veränderungen im Vergleich zwischen heute und – sagen wir – vor 15 oder 20 Jahren?
Ina Glomb: In Kita- und Hort gibt es eine Vielzahl an Belastungsfaktoren. So sind neben dem dauerhaft hohen Lärmpegel insbesondere die erforderliche Flexibilität und eine starke emotionale Belastung der Pädagog*innen nicht zu unterschätzen. Die Arbeit richtet sich stark nach den Bedürfnissen und Wünschen der Kinder, während gleichzeitig die Anforderungen des Bildungsplans, räumliche Möglichkeiten, Personalmangel und die Erwartungen der Eltern berücksichtigt werden müssen. Dieses Zusammenspiel macht den Berufsalltag besonders komplex und mitunter sehr herausfordernd.
Teilnehmende meiner Fortbildungen berichten häufig, dass sie gern mehr pädagogisch wertvolle Angebote unterbreiten würden und vor allem mehr Zeit und Ruhe hierfür zur Verfügung hätten, um nachhaltige Beziehungsarbeit zu leisten. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit überträgt sich konkret auch auf die Abläufe in Kindertagesstätten. Im Vergleich zu vor 15 bis 20 Jahren ist die Anzahl der zu betreuenden Kinder in den Einrichtungen deutlich gestiegen. Gleichzeitig zeigen sich vermehrt ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern, und die Anforderungen seitens der Eltern haben zugenommen: Eltern möchten Transparenz, individuelle Förderung, schnelle Rückmeldungen und eine spürbare Qualität in den Angeboten. Dieses Erwartungsniveau erzeugt nicht selten Druck im ohnehin eng getakteten Alltag. Effizienz in den Abläufen, größtmöglicher pädagogischer Input und individuelle Förderung sind absolut nachvollziehbare Wünsche. Jedoch stehen diese Erwartungen oft im Widerspruch zu den realen Rahmenbedingungen.
Viele Einrichtungen betreuen heute sehr heterogene Gruppen, in denen unterschiedliche sprachliche und kulturelle Hintergründe sowie steigende emotionale Anforderungen der Kinder besondere Aufmerksamkeit und Präsenz erfordern. Damit steigt der Bedarf an individueller Zuwendung, während gleichzeitig die zeitlichen Ressourcen weiter schrumpfen. Diese Verdichtung führt dazu, dass pädagogische Fachkräfte oft das Gefühl haben, eher zu reagieren als aktiv zu gestalten.
An welchen Stellen können pädagogische Fachkräfte selbst aktiv werden, um Stress zu reduzieren? Und wo sind es eher strukturelle Einflüsse, an denen angesetzt werden müsste?
Ina Glomb: Häufig begegnet mir in Fortbildungen die Thematik „Abgrenzung und Selbstfürsorge“. Das persönliche Ergründen, weshalb Nein-Sagen schwerfällt, etwa bei der spontanen Übernahme von Diensten und damit verbundener Überstunden, kann ein sehr nachhaltiger Schritt sein, um die Stressbelastung zu senken. Weitere Aspekte sind das Erkennen, an welchen Stellen Pädagog*innen selbstwirksam handeln können und wann es an der Zeit ist, Unterstützung durch Team und Leitung einzuholen. Abgrenzung und Selbstfürsorge sind in meinen Augen ein sehr wichtiger Aspekt fachlicher Professionalität. Viele Strategien, die Pädagog*innen für Kinder entwickeln, lassen sich auch auf die eigene Stressbewältigung übertragen. Dabei ist es wichtig, den Blick bewusst auf die eigenen Bedürfnisse zu richten. Nur wer gut für sich selbst sorgt, kann auch für andere da sein.
Gemeinsam kann zwar nicht die Anzahl der zu betreuenden Kinder pro Person verringert werden, durch gemeinsam erdachte Lösungen und alternative Abläufe in Einrichtungen können jedoch Wege gefunden werden, mit den Herausforderungen des Alltags umzugehen. Gleichzeitig muss klar gesagt sein: an Betreuungsschlüssel und Personalausfall kann keine pädagogische Fachkraft in Eigeninitiative etwas ändern. Hier bedarf es übergeordneter Entscheidungen; auch zum Gesundheitsschutz pädagogischer Fachkräfte.
In Ihrem zweitägigen Online-Seminar geht es um das persönliche Stressmanagement. Was erwartet Teilnehmende in diesem Format?
Ina Glomb: Teilnehmende meines zweitägigen Online-Seminars tauchen tief in das Thema persönliches Stressmanagement ein. Im Mittelpunkt steht das eigene Erleben von Belastungssituationen im beruflichen Alltag und die Frage, wie man diesen bewusst begegnen kann. Wir reflektieren gemeinsam typische Stressmomente und schauen darauf, welche Ressourcen bereits vorhanden sind. Oft braucht es nur einen kleinen Impuls, um diese Kräfte bewusst zu aktivieren und wirksam zu nutzen. Das Seminar lebt von Austausch und Praxis. In Kleingruppen diskutieren die Teilnehmenden konkrete Herausforderungen, teilen Erfahrungen und entwickeln gemeinsam Lösungsansätze, die direkt im Alltag umsetzbar sind.
Gleichzeitig lernen sie Methoden zur Selbstregulation kennen, die spürbare Entlastung bringen. Dazu gehören Atem- und Entspannungsübungen, Achtsamkeitspraktiken und kleine Rituale, die helfen, Momente der Ruhe bewusst zu gestalten. Am Ende des Seminars sollen die Teilnehmenden nicht nur konkrete Werkzeuge für den Alltag mitnehmen, sondern auch ein gestärktes Selbstvertrauen darin entwickeln, Stresssituationen souverän zu bewältigen.
Wie sichern Sie, dass nach dem Seminar das Dranbleiben gelingt?
Ina Glomb: Selbstfürsorge und Selbstwirksamkeit zur Stressregulation können nur dann gelingen, wenn wir selbst aktiv daran arbeiten. Mein Ansatz ist es deshalb, den Teilnehmenden Wege zu zeigen, die sie motivieren und befähigen, die erlernten Strategien eigenständig umzusetzen. Im Seminar erleben die Teilnehmenden Methoden zur Stressregulation, die speziell auf den Berufsalltag in pädagogischen Einrichtungen zugeschnitten sind. Es geht nicht allein um theoretisches Wissen oder Entspannungsübungen, sondern darum, wie sich die Techniken konkret in den Alltag einbauen lassen. Es geht auch darum, Dinge auszuprobieren, zu testen, was sich gut anfühlt, umsetzbar ist und an welchen Stellen die Teilnehmenden tatsächlich Einfluss auf ihr Stresserleben haben. Denn auch die Akzeptanz unveränderlicher Aspekte des beruflichen Alltags kann Einfluss auf das Stresserleben haben.
Darüber hinaus dienen Arbeitsmaterialien der Orientierung, Erinnerung und Unterstützung, um Routinen aufzubauen, eigene Fortschritte zu reflektieren und Strategien zur Stressregulation langfristig zu festigen. So entsteht ein tragfähiger Rahmen, der es den Teilnehmenden erleichtert, dranzubleiben und das Erlernte nachhaltig in ihr berufliches und privates Leben zu übertragen.
Ina Glomb ist Psychologin, M.Sc. mit Schwerpunkt Beratungspsychologie sowie staatlich anerkannte Erzieherin mit heilpädagogischer Zusatzqualifikation. Sie bringt langjährige Leitungserfahrung im pädagogischen und psychosozialen Bereich mit. In der psychosomatischen Rehabilitation leitete sie Einzel- und Gruppentherapien. Ergänzend absolvierte sie Weiterbildungen in Somatischer Emotionaler Integration, Gewaltfreier Kommunikation sowie Yoga- und Entspannungstraining. Ina Glomb fördert die psychische Gesundheit pädagogischer Fachkräfte durch praxisnahe Strategien zur Bewältigung beruflicher Herausforderungen.
