Frau Herdmann, viele denken bei Essstörungen sofort an Magersucht und Teenagermädchen. Was übersehen wir dabei?
Mona Herdmann: Essstörungen werden häufig automatisch mit sehr dünnen Teenagermädchen in Verbindung gebracht – insbesondere mit der Magersucht. Dabei wird oft übersehen, dass es verschiedene Formen von Essstörungen gibt. Neben Anorexie treten auch die Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht), die Binge-Eating-Störung, ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) sowie Orthorexie auf.
Entgegen der weit verbreiteten Annahme sind Essstörungen nicht immer „sichtbar“ – viele Betroffene haben ein unauffälliges oder normales Körpergewicht.
Außerdem betreffen Essstörungen nicht nur Jugendliche. Sie können in jedem Alter auftreten: ARFID beispielsweise häufig bei Kindern, während die Binge-Eating-Störung vermehrt bei Menschen über 40 oder 50 Jahren vorkommt.
Auch sind nicht nur Mädchen und Frauen betroffen. Ein erheblicher Anteil der Betroffenen sind Männer, die jedoch oft übersehen oder erst später diagnostiziert werden.
Von wie vielen Betroffenen sprechen wir in Sachsen aktuell und welche Auswirkungen haben Essstörungen auf das Leben der Erkrankten?
Mona Herdmann: Die Zahl der diagnostizierten Essstörungen bei Mädchen und jungen Frauen in Sachsen ist um fast 40 Prozent gestiegen. Das ergab eine Auswertung der Krankenkasse Barmer. Im Jahr 2018 wurden im Schnitt 10 von 1.000 jungen Sächsinnen wegen einer Essstörung behandelt, 2023 lag die Rate bei 14,4 pro 1.000, wie die Krankenkasse mitteilte.
Essstörungen sind keine „Ernährungsprobleme“, sondern schwere psychische Erkrankungen mit tiefgreifenden körperlichen Folgen. Dazu gehören unter anderem Organschäden, z. B. Herzrhythmusstörungen, sowie Hormonstörungen, wie etwa das Ausbleiben der Menstruation.
Auch psychische Auswirkungen begleiten die Betroffenen: ein starkes Gedankenkreisen um Essen, Gewicht und Körperbild, Ängste und Depressionen sowie eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Häufig zeigen sich zudem suchtähnliche Verhaltensmuster, die sich entweder in Kontrollverlust oder in extremem Kontrollverhalten äußern.
Darüber hinaus haben Essstörungen erhebliche soziale Folgen. Viele Betroffene ziehen sich von Familie und Freunden zurück, und es kommt häufig zu Konflikten im sozialen Umfeld, etwa in der Schule, Ausbildung oder im Beruf.
Der Alltag ist oft stark von symptomatischem Verhalten geprägt, wie Kalorienzählen, festen Essritualen, exzessivem Sport oder Essanfällen. Für eine unbeschwerte und normale Lebensgestaltung bleibt dabei kaum noch Raum.
Welchen Einfluss durch digitale Medien beobachten Sie, wenn es um Essstörungen geht? Gibt es hier neben negativen auch positive Effekte?
Mona Herdmann: Digitale Medien haben einen spürbaren Einfluss auf die Entwicklung von Essstörungen – sowohl negativ als auch positiv.
Plattformen wie Instagram oder TikTok verbreiten oft stark bearbeitete Inhalte mit unrealistischen Schönheitsidealen. Das kann zu Körperunzufriedenheit führen und das Risiko für Essstörungen erhöhen. Auch der ständige Vergleich mit anderen kann das Selbstwertgefühl, besonders bei jungen Menschen, beeinträchtigen.
Besonders problematisch sind Influencer und Trends („Skinnytok“), die Essstörungen verherrlichen oder die Krankheitssymptome über Challenges verstärken. Zudem führen Algorithmen dazu, dass solche Inhalte häufiger angezeigt werden.
Gleichzeitig bieten digitale Medien aber auch Chancen für Aufklärung und Unterstützung. So ermöglichen beispielsweise Online-Selbsthilfegruppen einen Austausch mit anderen Betroffenen, fördern gegenseitiges Verständnis und bieten emotionale Unterstützung – oft niedrigschwellig und anonym. Dies kann dazu beitragen, dass sich Betroffene weniger allein fühlen und eher bereit sind, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Wie sollten Fachkräfte in sozialen Einrichtungen reagieren, wenn sie auf Menschen mit Essstörungen treffen? Welche Do’s und Don’ts empfehlen Sie?
Mona Herdmann: Fachkräfte in sozialen Einrichtungen sollten Menschen mit Essstörungen sensibel, offen und respektvoll begegnen. Dabei ist es wichtig, zuzuhören, empathisch zu reagieren und eine wertfreie Atmosphäre zu schaffen. Kommentare über Gewicht, Aussehen oder Essverhalten sind zu vermeiden.
Gleichzeitig sollten Fachkräfte ihre professionellen Grenzen kennen: Sie diagnostizieren oder therapieren nicht, sondern unterstützen Betroffene, indem sie den Kontakt zu spezialisierten Einrichtungen oder Beratungsstellen vermitteln. Dabei gilt es, individuelle Bedürfnisse zu respektieren und Gesprächsinhalte zu vermeiden, welche Druck rund ums Essen erzeugen. Das sind Schuldzuweisungen, Kontrolle oder voreilige Ratschläge.
Mona Herdmann ist Theaterwissenschaftlerin und systemische Beraterin im Beratungszentrum Ess-Störungen Leipzig. Sie und ihr Team bieten 2026 Weiterbildungen rund um das Thema Essstörungen bei der Paritätischen Akademie Sachsen an, darunter eine Einführung, ein Online-Seminar zu Essstörungen im Digitalzeitalter und ein Seminar zu Essstörungen im Kontext körperlicher und kognitiver Beeinträchtigungen
